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Meine zwei Leben: Man ist raus. Was nun?

Von ACD.

Nachdem ich mich entschlossen hatte, die rechtsextreme Szene zu verlassen, kam eine komische Zeit. Ich hatte eine Arbeitsstelle, somit am Tag eine Beschäftigung, nur was macht man ansonsten?

Leider habe ich mir in der Zeit keine psychologische Unterstützung gesucht, die ich gebraucht hätte, um mich auf diesem Weg zu begleiten und habe dies somit selbst versucht zu bewältigen. Das Schwierige war nicht die Musik nicht mehr zu hören oder die Kleidung zu tragen. All das hat man schnell in Kisten gepackt und im Keller verstaut bzw. in den Müll geworfen, doch es bricht auch eine regelgelegte Freizeit zusammen.

Womit beschäftige ich mich? Das war es, was mir zu schaffen gemacht hat. Natürlich habe ich auch Anrufe von meinen damaligen Konzertbegleitern bekommen oder E-Mails über weitere Konzerte, neue Produkte usw. Doch dies war relativ schnell erledigt. Viel schwieriger war es neue Interessensgebiete und Hobbys zu finden. Als ich damals in der rechten Szene war, ging mein Urlaub für Konzerte drauf, mein Geld habe ich in die Produkte investiert und damit habe ich mich dann privat beschäftigt. Mein zweites Hobby, den Sport, habe ich damals aufgegeben, da es in dem Umfeld zahlreiche Personen mit eindeutigen Tattoos gab und ich wollte es nicht auf einen Kontakt ankommen lassen.

Von der Verarbeitung all dessen, was man in der Zeit erlebt hat und die Motive hinter dem Einstieg zu verstehen, ganz zu schweigen. Darum habe ich mich in der Zeit lange rumgedrückt und meine Verarbeitung durch Alkoholkonsum verdrängt bzw. kleingeredet.

Meine zwei Leben: Der Einstieg

Ich hatte damals das große Glück, per Zufall ein neues Hobby zu finden, indem ich mich zu einen ausleben konnte, indem ich eine Gruppe von Menschen gefunden habe, die ich sympathisch fand und indem ich auch meine Vergangenheit zum Teil kreativ verarbeiten konnte. Die meisten dieser Menschen wissen bis heute nicht, woher ich ursprünglich kam und ich bin nach wie vor sehr unsicher es ihnen jemals zu erzählen. Wie sagt man jemand, den man seit Jahren kennt:“Hey weißt du eigentlich, dass ich mal auf Nazi-Konzerten war?,“Weißt du, als du in der Disco tanzen warst, war ich wahrscheinlich am“abhitlern” in der Schweiz?”Ich erinnere mich an ein Gespräch, als ich mit Freunden zusammensaß und das Thema rechtsextremer Veranstaltungen aufkam und einer sagte damals: “Wer geht da schon hin. In meinem Hinterkopf kam nur auf: ”Ich”. Damals wollte ich es erzählen, doch getraut habe ich es mich nicht. Mit der Zeit habe es manchen Menschen dann doch erzählt und ihre Reaktionen waren in der Regel immer eine Mischung aus Verwunderung und Schock. Ich konnte förmlich sehen, wie in den Personen die Fragen aufkamen: “Kenne ich diesen Menschen überhaupt? Was gibt es noch? Wenn man mir das erzählt, was wird mir gerade NICHT gesagt?” Diese Reaktionen sind verständlich und ich hatte das große Glück, immer auf Personen gestoßen zu sein, die mir mit Offenheit begegnet sind und mir meine Fehler verziehen haben und weiterhin mit mir Kontakt halten.

Ich glaube, dass der Wegfall dieses Teils eines jeden Menschen, der eigene Alltag und die Freizeitgestaltung das ist, was den Ausstieg aus der Szene so schwer macht. Solange man nicht offen in der Szene aktiv und nicht vollständig radikalisiert war, ist der Wiedereinstieg in die Mainstream-Gesellschaft relativ einfach. Doch die Gestaltung des Lebens danach, was fange ich mit mir den ganzen Tag an? Das ist schwer. Man legt alle Hobbys ab und muss sich neuorientieren. Dennoch rate ich dazu. Ich habe durch andere Menschen Neues gelernt, mich selbst kennengelernt, bin offener geworden, andere Seiten und Stärken in mir gesehen und kann heute z. B. über meine Gefühle sprechen, was ich in der rechten macho-geprägten Szene nie konnte. Doch rate ich nehmt Kontakte zu professionellen Angeboten auf, wenn ihr diesen Schritt geht. Sie helfen, bei der Verarbeitung des Erlebten und eine Erklärung dafür zu finden, warum man getan hat, was man getan hat. Ich habe dies am Anfang nicht getan und so jahrelang mit Albträumen und Depressionen zu kämpfen gehabt. Das muss nicht sein. Auch können sie einem helfen, die Ideologie vollständig abzulegen. Ein T-Shirt ist schnell ausgezogen, Springerstiefel sind schnell gegen Turnschuhe getauscht, doch die Gründe dahinter sind meist für einen schwer zu finden.

Die Beiträge von ACD gibt es auch übersetzt. Text 1 und Text 2.

Meine zwei Leben – Zwischen Nazi-Musik und Studium

Foto: geralt / Pixabay