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Ausgestiegene in Prävention und Wissenschaft

Was können wir von ehemaligen Rechtsextremisten zum Thema Radikalisierung und Deradikalisierung erfahren?

Von Dr. Ryan Scrivens, Dr. Steven Windisch, Dr. Pete Simi.

In den letzten fünf Jahren haben sich Fachleute und Entscheidungsträger zunehmend auf die Erfahrungen ehemaliger Rechtsextremisten gestützt, um Erkenntnisse über die Bedrohung durch gewalttätigen Extremismus und Terrorismus und dessen Bekämpfung zu erlangen.

Mit ehemaligen Rechtsextremisten meinen wir Personen, die eine bestimmte extremistische Ideologie vertraten und/oder in deren Namen Gewalt ausübten und sich seitdem öffentlich und/oder privat von extremistischer Gewalt losgesagt haben. Das heißt, sie verstehen sich nicht mehr als Anhänger einer bestimmten extremistischen Ideologie und gehören keiner extremistischen Gruppe oder Bewegung mehr an.

Während einige Fachleute aus Wissenschaft und Praxis Bedenken gegen die Einbeziehung ehemaliger Rechtsextremisten geäußert haben (z.B. in Bezug auf deren Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit), haben andere argumentiert, dass die Ausgestiegenen wertvolle Perspektiven aus erster Hand zu Fragen des Terrorismus und Extremismus liefern können – zum Beispiel können Sie uns einen Einblick in die Motivationen gewähren, die zu ihrer Radikalisierung und ihrem Ausstieg aus rechtsextremen Bewegungen geführt haben. Im Folgenden erläutern wir einige der Schlüsselbereiche der Forschung, die von den Erfahrungen und Erkenntnissen ehemaliger Rechtsextremisten profitiert haben.

Extremistische Vorläufe

Forscher, die sich in ihrer Arbeit auf Interviews mit ehemaligen Rechtsextremisten stützen, haben ein dynamisches Geflecht von sich überschneidenden Push– und Pull-Faktoren aufgedeckt, welche extremistische Aktivitäten begünstigen. Push-Faktoren beziehen sich auf negative Einflüsse im Umfeld einer Person, welche die Anfälligkeit für Extremismus erhöhen, während sich Pull-Faktoren, auf diejenigen Merkmale beziehen, welche die Einzelpersonen am Extremismus anziehend finden.

Zu den häufigsten Push-Faktoren, die in der Literatur zum Rechtsextremismus genannt werden, zählen Irritationen, die sich auf reales oder gefühltes Unrecht gegenüber einer Person bzw. einer Personengruppe beziehen. Terrorismus- und Extremismusforscher, die ehemalige Rechtextremisten in ihre Forschung einbezogen haben, haben verschiedene ideologische Irritationen aufgezeigt, darunter die Wahrnehmung von umgekehrter Diskriminierung und das Gefühl, von politischer Korrektheit, Multikulturalismus und positiver Diskriminierung benachteiligt zu werden. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass nicht-ideologische Probleme, wie z.B. psychische Erkrankungen und Misshandlungen in der Familie, die mit Kindheitstraumata verbunden sind, Menschen zu extremistischen Handlungen verleiten.

Forscher auf diesem Gebiet haben auch andere ideologische und nicht-ideologische Faktoren untersucht, die Menschen zum Rechtsextremismus bringen können. Beispielsweise wurde schon in früheren Studien festgestellt, dass extremistische Organisationen Personen aus den verschiedensten Gründen anziehen. Dazu gehören die ideologische Ausrichtung, ein Gefühl von Zugehörigkeit und die Suche nach einem gewissen Nervenkitzel. Darüber hinaus hat sich nun herausgestellt, dass soziale Netzwerke Einzelpersonen zu extremistischen Aktivitäten treiben können. Eine Studie ergab, dass manche Eltern bzw. sonstige Betreuungspersonen, Kinder oder Jugendliche rassistisch sozialisieren, d.h. einen Nährboden für rassistisches Gedankengut, rassistische Werte und Gewohnheiten schufen, indem sie (sowohl formell als auch informell) ein rassistisches Vorbild propagierten, welches zur Aufrechterhaltung einer dominanten weißen Kultur erforderlich sei. Solche rassistischen Signale trugen zur Entwicklung eines rassistischen Bewusstseins und zur Entstehung rassistisch geprägter Normerwartungen in Bezug auf die Dynamik zwischen den Volksgruppen bei. Es wurde vermittelt, dass Rassismus gegenüber Nicht-Weißen akzeptabel sei. Es könnte also möglich sein, dass der Rechtextremismus vielleicht eher ein Produkt der Umwelt als der Überzeugung ist. Außerdem ist es wichtig zu betonen, dass Push- und Pull-Faktoren zusammenwirken – ohne das Vorhandensein von Push-Faktoren wären Pull-Faktoren wahrscheinlich viel weniger einflussreich.

Radikalisierung zum gewalttätigen Extremismus

Wenige Themen haben in den letzten Jahren in der Terrorismus- und Extremismusforschung so viel Aufmerksamkeit erregt wie das Thema der Radikalisierung. Radikalisierung bezieht sich im Allgemeinen auf einen vielschichtigen, allmählichen Prozess der Entwicklung extremistischer Ideologien und Überzeugungen.

Ein Großteil der Radikalisierungsliteratur konzentriert sich auf die Kommunikationsmedien, die verwendet werden, um Ideologien und Überzeugungen zu entwickeln und zu verbreiten, darunter Druckerzeugnisse, Filme und Musik. Allerdings ist aufgrund fortschreitender Technologien, einschließlich der Entwicklung von Online-Plattformen, das Internet zu einem Schwerpunkt der Radikalisierungsforschung geworden. Zum Beispiel fanden Forscher, die ehemalige Rechtsextremisten befragten, heraus, dass das Internet als effektiver Ort des Informationsaustauschs und der ideologischen Entwicklung dient und dass sogenannte Echokammern entstehen, durch die radikale Überzeugungen und politischer Aktivismus zur aktiven extremistischen Beteiligung ausgeweitet werden. Einige Untersuchungen in diesem Bereich deuten auch darauf hin, dass das Internet mehr Möglichkeiten zur Radikalisierung bietet als Offline-Interaktionen, da bereits bestehende Überzeugungen dort bestätigt werden.

Extremistische Gewalt ist ein weiteres wichtiges Thema für Radikalisierungsforscher. Wissenschaftler, die sich auf die Erkenntnisse früherer Rechtextremisten stützen, um die Entwicklung extremistischer Gewalt zu untersuchen, sind auf einen komplexen Prozess gestoßen, bei dem Personen mehrere verschiedene Erfahrungen machen, wie z.B. rassistische Sozialisierung, Inhaftierung und psychische Erkrankungen, bevor sie radikalisiert werden. Es gab jedoch keine Anhaltspunkte für einen bestimmten Weg, der zu rechtsextremistischer Gewalt führt. Stattdessen wurde festgestellt, dass die Personen durch unterschiedliche Kommunikationskanäle und auf verschiedene Art und Weise zum Extremismus gelangt sind und dass die Hemmschwellen zur Gewaltbereitschaft sehr unterschiedlich waren. In Studien, welche sich auf die Erfahrungen ehemaliger Rechtsextremisten gestützt haben, um die Rolle des Internets bei der gewalttätigen Radikalisierung zu erforschen, wurde diese Komplexität bestätigt.

Abwendung vom gewalttätigen Extremismus

Neben der Untersuchung von Radikalisierungsprozessen besteht ein wachsendes Interesse daran zu verstehen, warum Menschen sich schließlich vom gewalttätigen Extremismus abwenden. In diesem Zusammenhang wurden zwei Konzepte diskutiert: die Deradikalisierung und der Distanzierung. Deradikalisierung bezieht sich auf den Prozess, durch den eine Person von einer extremistischen Ideologie wegkommt, frühere Überzeugungen ablehnt und die Werte der Mehrheitsgesellschaft übernimmt. Distanzierung ist der Prozess, mit dem eine Person beschließt, eine extremistische Gruppe oder Bewegung zu verlassen, und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Diese beiden Prozesse können jedoch abhängig von der jeweils vorherrschenden Situation getrennt oder gleichzeitig ablaufen.

 

Einmal Nazi, immer Nazi? Arbeit und Erfahrungen von EXIT-Deutschland und der Aussteigerhilfe Bayern in der Ausstiegsbegleitung

 

Zwar deuten die Forschungsergebnisse darauf hin, dass die meisten Menschen, die sich dem gewalttätigen Extremismus anschließen, irgendwann wieder aussteigen werden, doch ist weniger darüber bekannt, wie und warum dieser Ausstieg erfolgt. In einigen Studien wurden die Aussagen früherer Rechtsextremisten einbezogen, und es wurde festgestellt, dass der Austritt aus dem Extremismus ein Prozess ist, der von vielfältigen Erfahrungen beeinflusst wird. Forscher haben auch herausgefunden, dass verschiedene Faktoren den Ausstieg einer Person beeinflussen. In vielen Fällen wurde der Ausstieg durch Selbstreflexion aufgrund des Kontakts mit Strafverfolgungsbehörden und der Erfahrung von Inhaftierung ausgelöst. In einigen Fällen war eine Verschiebung der sozialen Ausrichtung weg von der rechtsextremistischen Gruppe ein ausschlaggebender Faktor für den Ausstieg, während andere Personen sich vom Extremismus aufgrund einer Diskrepanz zwischen ihren ursprünglichen Erwartungen und der Realität abwandten. Darüber hinaus beeinflusste eine Mischung aus Burnout, Ermutigung durch Ehepartner oder andere wichtige Personen und Beziehungen außerhalb der extremistischen Bewegung die Entscheidung von Menschen, sich vom Rechtsextremismus zu lösen.

Es gibt drei neue Forschungsbereiche zum Thema Ausstieg aus dem Rechtsextremismus, die auch auf Interviews mit ehemaligen Rechtextremisten beruhen. Der erste Bereich betrifft die Frage, wie die organisatorische Rolle einer Person den Ausstieg beeinflusst. Der zweite Bereich bezieht sich auf die Schwierigkeiten beim Ausstieg aus dem Rechtsextremismus, wie z.B. die negativen Gefühle, die damit verbunden sind, die Möglichkeit eines ideologischen Rückfalls und die Verlockung, die sozialen Bindungen zu den derzeitigen Mitgliedern der rechtsextremen Gruppen aufrechtzuerhalten. Der dritte Bereich betrifft das Verständnis des Ausstiegsprozesses aus extremistischen Bewegungen im Allgemeinen, wie zum Beispiel der Vergleich des Ausstiegs von Links- und Rechtsextremisten.

Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus

Eine wachsende Zahl von Organisationen bekämpft derzeit den gewalttätigen Extremismus, sowohl in der „realen Welt“ als auch im Cyberspace. Diese Organisationen haben zum einen die Verhinderung des gewalttätigen Extremismus (PVE) und zum anderen die Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus (CVE) zum Ziel. Ersteres bezieht sich auf die Bemühungen, dem Extremismus seinen Nährboden zu entziehen, und letzteres zielt darauf ab, Einzelpersonen durch sanfte Methoden anstelle von Strafandrohung von der Radikalisierung abzubringen.

 

Wenn aus Vorurteilen Urteile werden und Urteilen Konsequenzen folgen Perspektiven auf den Ausstieg

 

In diesem Kontext ist es üblich geworden, dass Fachleute aus der Praxis und politische Entscheidungsträger aus den Erkenntnissen ehemaliger Rechtsextremisten in verschiedenen Situationen der P/CVE schöpfen, einschließlich der Sammlung von Informationen, Interventionen und Gegenreaktionen. Doch die Wissenschaftler haben erst viel später angefangen, ehemalige Rechtextremisten in ihre auf P/CVE ausgerichtete Forschung einbezogen.

Nichtsdestotrotz existiert in diesem Bereich ein kleiner, aber wachsender Bestand an Forschungsarbeiten, insbesondere über die Rolle ehemaliger Rechtsextremisten bei P/CVE-Initiativen. Im Rahmen einer Bewertung der Bedeutung ehemaliger Rechtsextremisten in der schulischen PVE-Arbeit stellten Forscher beispielsweise fest, dass diese besser in der Lage waren, die Jugendlichen zu erreichen als andere Erwachsene. Die Forscher haben auch untersucht, wie der gewalttätige Extremismus nach Ansicht der ehemaligen Rechtextremisten bekämpft werden sollte. Dabei stellten sie fest, dass ehemalige Rechtextremisten zwar glaubten, dass sie sich in einer einzigartigen Position befinden, um Interessenvertreter, Fachleute und die lokale Gemeinschaft über Extremismus aufzuklären, aber sie waren auch der Meinung, dass die Familien, Lehrer und Strafverfolgungsbehörden eine wesentliche Rolle bei der Verhinderung von Extremismus spielen. Da es sich beim Extremismus um ein komplexes Phänomen handelt, das sowohl auf individuellen als auch auf sozialen Bedingungen beruht, vertraten die ehemaligen Rechtextremisten die Meinung, dass die P/CVE-Initiativen mehrdimensional sein müssen und auf den Stärken und Fachkenntnissen verschiedener öffentlicher Einrichtungen aufbauen müssen, um eine ganzheitliche und völlig andere Alternative für die Teilnahme ehemaliger Rechtextremisten zu bieten.

In der Tat haben ehemalige Rechtsextremisten sowohl Fachleuten aus der Wissenschaft und Praxis als auch den politischen Entscheidungsträgern wertvolle Informationen zur Radikalisierung und Radikalisierungsbekämpfung geliefert. Obwohl in diesem Bereich bereits mehrere Forschungstrends ersichtlich sind, ist klar zu erkennen, dass es noch viel zu tun gibt. Wir hoffen, dass wir die Akteure, die auf diesem Gebiet tätig sind, dazu angeregt haben, eine Zusammenarbeit mit ehemaligen Rechtextremisten in Erwägung zu ziehen. Auf diese Weise könnten sie eine einzigartige Insider-Perspektive auf eine Reihe von wichtigen Themen erlangen, die ohne die Erkenntnisse derer, die früher am Extremismus beteiligt waren, möglicherweise nicht angegangen werden können.

 

Übersetzung von EXIT-Deutschland. Englischer Beitrag von Ryan Scrivens, Steven Windisch und Pete Simi. Zuerst veröffentlicht beim Centre for Analysis of the Radical Right. Mit freundlicher Genemigung von CARR.

 


Autoren

Dr Ryan Scrivens is an Assistant Professor in the School of Criminal Justice at Michigan State University. He is also an Associate Director at the International CyberCrime Research Centre at Simon Fraser University, a Research Fellow at the VOX-Pol Network of Excellence, and an Associate Fellow at the Global Network on Extremism and Technology. His research has been funded by Public Safety Canada, the Canadian Network for Research on Terrorism, Security and Society, and VOX-Pol. He was a speaker in the CARR-Hedayah De-Radicalization Webinars in Summer 2020.

Dr Steven Windisch is an Assistant Professor in the Department of Criminal Justice at Temple University. His research relies upon developmental and life-course criminology and symbolic interactionist perspective to examine the overlap between conventional criminal offending and violent extremism.

Dr Pete Simi is an Associate Professor in the Department of Sociology at Chapman University. He has studied extremist groups and violence for more than 20 years, conducting interviews and observation with a range of violent gangs and political extremists.


 

Mehr zum Thema

B. Wagner (2020): Die personale Radikalitätsmetamorphose. Journal EXIT-Deutschland, Berlin. (Online)

B. Wagner (2020): „Ich will raus“ – Deradikalisierung und Ausstiegsarbeit mit Rechtsextremisten. In: Dierk Borstel und Kemal Bozay (Hg.): Kultur der Anerkennung statt Menschenfeindlichkeit. Antworten für die pädagogische und politische Praxis. Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 269–308.

B. Wagner (2020) Die Botschaft: Ehemalige Rechtsextreme in der schulischen Bildung – Eine Erfahrungsskizze. In: Frühere Extremisten in der schulischen Präventionsarbeit. Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. Bonn. (Online)

B. Wagner; F. Wichmann (2019) EXIT-Deutschland/HAYAT-Deutschland – Ausgangspunkte, Prinzipien und Richtpunkte der Aktivitäten von aus extremistischen Kontexten Ausgestiegener in der Counter- und Formaten der Bildungsarbeit. EXIT-Deutschland, Berlin. (aktualisierte Fassung Oktober 2019)

F. Benneckenstein, M. Scheffler, S. Rochow, F. Wichmann (2018) Wenn aus Vorurteilen Urteile werden und Urteilen Konsequenzen folgen. Perspektiven auf den Ausstieg. In: Ausstiege aus dem Extremismus im Prisma diverser Perspektiven. Journal EXIT-Deutschland, Berlin. (Online)

F. Wichmann; F. Benneckenstein (2017) Einmal Nazi, immer Nazi? Arbeit und Erfahrungen von EXIT-Deutschland in der Ausstiegsbegleitung In: Nie wieder. Schon wieder. Immer noch. Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945, Katalog zur Ausstellung 29.11.2017–02.04.2018, Herausgegeben von Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Mirjana Grdanjski und Ulla-Britta Vollhardt, Metropol Verlag, Berlin. (Online)