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Abschlussbericht MoDeRad: Modellkommune Deradikalisierung

Die Kommune als Handlungsraum

Ziel von MoDeRad: Modellkommune Deradikalisierung war es, einen Erfahrungstransfer aus sechs lokalen Projekten zu schaffen und damit weiteren Kommunen beim Aufbau und der Weiterentwicklung ihrer Deradikalisierungsansätze unterstützen.

Deradikalisierungsarbeit kann nur vor Ort gelingen – dort, wo die Menschen leben: in den Kommunen. Die Begleitung von Deradikalisierungsprozessen ist eine Aufgabe, bei der die gesamte Gesellschaft an einem Strang ziehen muss: Landkreise, Städte und Gemeinden, die Landes- und die Bundesebene sowie zivilgesellschaftliche Organisationen müssen zusammenarbeiten.


Video-Podcast von EXIT-Deutschland: Ausstieg und Deradikalisierung im kommunalen Kontext


Im Jahr 2021 hat das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) sechs Kommunen dabei unterstützt, vor Ort neue Wege in der Extremismusbekämpfung zu gehen. Dabei begleitete ein Fachbeirat das BMI, dessen Mitglieder Expertinnen und Experten in verschiedenen Bereichen des Themas „Kommunale Deradikalisierungsarbeit“ sind (s. Kapitel Der Fachbeirat im Abschlussbericht). Während der Förderperiode tauschten sich die Modellkommunen, die Mitglieder des Fachbeirats und das BMI gemeinsam über Hindernisse, Chancen und Möglichkeiten kommunaler Deradikalisierungsarbeit aus.

Der vom Bundesinnenministerium veröffentlichte Abschlussbericht stellt die Erfahrungen der sechs Modellkommunen zur Verfügung. Die Sammlung soll Kommunen bundesweit Anregungen und Hilfestellung bei der Entwicklung ihrer eigenen Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit geben. Die zentralen Handlungsempfehlungen der Projektförderung sowie die Erfahrungen der Modellkommunen und Beiratsmitglieder richten sich in erster Linie an Kommunen, die selbst in der Deradikalisierungsarbeit aktiv werden oder diese weiterentwickeln möchten.

Zentrale Erkenntnisse

Die Projektförderung hat gezeigt, dass viele und unterschiedlichste Gemeinden sich gegen Extremismus und für Deradikalisierung engagieren wollen. Viele wünschen sich, sich darüber untereinander austauschen zu können. Die Projekte zeigen, wie unterschiedlich die Bedarfe und Lösungsansätze vor Ort sind: Eine phänomenübergreifende Perspektive der Projektförderung war sinnvoll, denn so konnten unterschiedlichste Erfahrungen gesammelt werden. Während „Modellkommune Deradikalisierung (kurz: MoDeRad) sich explizit auf Deradikalisierung konzentriert hat, ist diese Abgrenzung in der Realität nicht immer leicht umzusetzen.

Inhalte der Projekte

  • Vernetzung der Akteure vor verbessern Ort
  • kommunale (Verweis-)Beratungsstellen für radikalisierte Personen und ihre Angehörigen aufbauen
  • Schulungen für z. B. Fachkräfte (z. B. Jugendhilfe oder Sport) anbieten
  • lokale Präventionskonzepte entwickeln bzw. überarbeiten
  • lokale Präventions- und (De-) Radikalisierungsstrukturen katalogisieren.

Dem BMI war es ein wichtiges Anliegen, die Arbeit auf Landesebene nicht zu doppeln, sondern sinnvoll auf lokaler Ebene zu ergänzen. MoDeRad hat gezeigt, dass Kommunen dazu verschiedene Möglichkeiten haben, zum Beispiel:

  • den Ausbau von Netzwerkarbeit, um vor Ort für Radikalisierungsprozesse und Interventionsmöglichkeiten zu sensibilisieren, Ansprechpersonen bekannt zu machen oder spezifische Berufsgruppen in die Deradikalisierungsarbeit einzubeziehen.
  • eigene, niedrigschwellige Ansprechpersonen oder Verweisberatungen aufzubauen, die Ratsuchende bei Unsicherheiten im Hinblick auf Radikalisierungen unterstützen und ggf. an spezielle Unterstützungsangebote vermitteln.
  • Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen anzubieten für Berufsgruppen, die im Alltag mit Radikalisierung in Berührung kommen.

Der Abschlussbericht vermittelt einen umfassenden Überblick über MoDeRad. Sie kann allerdings nicht jedes Wissensdetail nachzeichnen, das im Rahmen von MoDeRad gewonnen wurde. Bei Rückfragen steht Ihnen das BMI gern zur Verfügung.

Projektbeispiel: dEASTrict21 (Essen)

Warum haben Sie sich beworben? Was wollten Sie mit dem Projekt erreichen?

Im Essener Stadtteil Steele tritt die Gruppierung der sog. „Steeler Jungs“ auf, die seit dem Jahr 2020 vom Verfassungsschutz des Landes Nordrhein–Westfalen zur rechtsextremistisch geprägten Mischszene15 gezählt wird. Die Bewerbung erfolgte aufgrund der Beauftragung durch den Rat der Stadt Essen, weitere Präventionsprojekte im Bereich Rechtsextremismus sowie ein Handlungskonzept zur Extremismusprävention zu entwickeln. Vor allem sollte die Bezirkspolitik im Umgang mit der herausfordernden Situation vor Ort begleitet und gestärkt werden. Der Auftrag gründete sich auf einen fraktionsübergreifenden Antrag vor dem Hintergrund der Situation im Stadtteil Essen-Steele. Darum haben das Jugendamt und das Kommunale Integrationszentrum (KI) der Stadt Essen das Konzept „dEASTrict21“ gemeinsam entwickelt. Der zugrunde liegende Ansatz des Konzeptes ist die Ansprache derjenigen Personen, die sich für die Gruppierung und ihre sog. „Spaziergänge“ interessieren.

Was haben Sie mit dem Projekt erreicht? Welche Erfahrungen haben Sie durch das Projekt gesammelt? Was möchten Sie anderen Kommunen mitgeben?

Die Ansprache sollte über drei Bereiche erfolgen:

Ansprache über den Sport

Vor allem der Sportbereich versprach viele Möglichkeiten der Kontaktaufnahme: Fußball gehört in vielen Steeler Sportvereinen zu dem traditionsreichen Repertoire. Kampfsport: Die Idee war, mit dem Polizeisportverein Essen ein gemeinsames Konzept und ein attraktives Angebot als Gegensatz zu den Kampfsportangeboten der „Steeler Jungs“ zu entwickeln, diese Idee wurde auch umgesetzt. Das Konzept liegt vor. Dieses nun langfristig umzusetzen und weiterzuentwickeln ist die Aufgabe in den nächsten Monaten und Jahren. Beim Parkour wird der städtische und natürliche Raum aktiv als Trainingsraum genutzt. Dadurch konnten die Jugendlichen ihre Wertschätzung untereinander ausdrücken und die Plätze im Stadtteil als liebenswert und mit einer guten Aufenthaltsqualität wahrnehmen. Sie setzten Akzente des Miteinanders und der Kreativität – auch in deutlicher Abgrenzung zu den sog. „Spaziergängen“ der Gruppierung „Steeler Jungs“.

Ansprache von Eltern

Die Ansprache von Eltern konnte aufgrund der Beschränkungen im Kontext der CoronaPandemie erst zu einem späten Zeitpunkt, d. h. ab Herbst 2021, im Projekt umgesetzt werden. Dennoch hat sich abgezeichnet, dass der Ansatz der Elternansprache wichtig ist und zukünftig wichtiger werden wird. Hier steht zunächst die Sensibilisierung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in den Bildungseinrichtungen der Kinder im Vordergrund. Die Erkenntnis, dass Mitglieder der Gruppierung „Steeler Jungs“ auch Eltern sind, die in den Institutionen mit ihren Wertevorstellungen präsent sind, wird im Stadtteil wahrgenommen und entwickelt sich auch in den Bildungseinrichtungen.

Ansprache online

Nach Rückmeldung des MoDeRad-Fachbeirats hat das Projektteam das Konzept dahin gehend angepasst, dass Aktivitäten rechtsorientierter Gruppierungen recherchiert wurden und gemeinsam mit Jugendlichen das Internet als Radikalisierungsort reflektiert wurde. Wir haben mit dem Verein Distanz e. V. in Weimar zusammengearbeitet, der den Akteurinnen und Akteuren in der Stadt Essen den sog. „Anti-HateBubble Approach“ (AHA-Ansatz) vorgestellt hat. Im Rahmen von Projekttagen an einer Schule in Essen-Steele haben unsere Projektmitarbeitenden den Ansatz genutzt – die Schülerinnen und Schüler haben sich sehr gut darauf einlassen können. Im Bereich der politischen Jugendbildung in Essen wird die Nutzung eines solchen Ansatzes in der Präventionsarbeit weiter erörtert.

Handlungskonzept Extremismusprävention Die Arbeit an dem Handlungskonzept konnten wir im Kontext von „MoDeRad/dEASTrict21“ nicht wie geplant umsetzen, da sich in den letzten Monaten viele Ansätze im Stadtteil parallel entwickelt haben. Wohl aber können wir die Erfahrungen aus den praktischen Ansätzen unserer Arbeit vor Ort nutzen. Erfolgreich war aus unserer Sicht das ParkourAngebot, an dem sich die Jugendlichen im öffentlichen Raum beteiligt haben. Hier gab es immer wieder Gesprächssituationen mit Bürgerinnen und Bürgern, die die Aktivität auf den öffentlichen Flächen im Stadtteil als wohltuend empfanden und das positive Auftreten der Gruppe begrüßten. Auch die konzeptionelle Arbeit des Mitarbeiters im Jugendamt und des Vertreters des Polizeisportvereins war erfolgreich. Leider war es (sicherlich auch aufgrund der Corona-Pandemie) nicht möglich, mit den Sportvereinen generell in einen Austausch zu dem Thema „Rechtsextremismus im Sport“ zu kommen. Dieses Thema nehmen das KI und das Jugendamt weiter auf. Der Aktionstag „Sport in Vielfalt – Vielfalt im Sport“ hat uns gezeigt, wie schwierig die Ansprache der Zielgruppe ist. In der Auswertung des Projektes mit unseren Kooperationspartnern werden wir auch diese Erfahrungen berücksichtigen.

Was hätten Sie gern bereits am Anfang gewusst?

Die Projektlaufzeit von einem Jahr ist ein sehr kurzer Zeitraum. Dennoch haben wir in der Stadt Essen die Möglichkeiten, die uns MoDeRad geboten hat, sehr gut nutzen können. Nicht nur die finanzielle Unterstützung und die Möglichkeit, zusätzliche Projektmitarbeiterinnen und Projektmitarbeiter in den Handlungsfeldern einsetzen und ihre Arbeitsdokumentationen nutzen zu können, sondern auch die organisierten Vernetzungstreffen haben wir als unterstützend empfunden. Durch den Austausch mit Verantwortlichen in anderen Städten (und in anderen Bundesländern) konnten wir Ideen und Eindrücke sammeln sowie Hinweise zu Herangehensweisen aufnehmen und diese zum Teil bereits konstruktiv umsetzen. Der Austausch mit Expertinnen und Experten über den Fachbeirat des Projektes war sehr gut und hat das eigene kommunale Netzwerk erweitert. Dem Anspruch des Modellprojektes ist „dEASTrict21“ aus unserer Sicht gerecht geworden. Wir hatten uns viel vorgenommen, vielleicht auch zu viel. Die Corona-Pandemie hat vieles verhindert. Aber auch die Tatsache, das Projekt als eine Arbeitsaufgabe neben anderen umzusetzen hat die Umsetzung weiterer Schritte nicht ermöglicht. Das Thema wird bleiben und wir werden die Erfahrungen des Modellprojekts in die weitere Arbeit einfließen lassen.

 

Der vollständige Bericht findet sich hier.

 

Ein interdisziplinärer Fachbeirat begleitet die Modellkommunen mit wertvoller Expertise. Im Fachbeirat sind unterschiedliche Perspektiven auf Deradikalisierungsarbeit und die Arbeit kommunaler Strukturen vereint: Die Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Präventions- und Deradikalisierungspraxis und öffentlicher Verwaltung verfügen über langjährige Berufserfahrung in den Themenfeldern. EXIT-Deutschland war mit Fabian Wichmann im Fachbeirat vertreten.

Video-Podcast: Deradikalisierung und Ausstieg im kommunalen Kontext