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Hass, Gewalt und Größenwahn (1/3)

Niemand interessiert sich für das Offensichtliche (Teil 1)

Von Ferdinand.

Verfasst von Fabian Wichmann und Felix Benneckenstein. 

Ferdinand* kam schon in jungen Jahren mit der rechtsextremen Szene in Kontakt. Gespeist aus einseitigen Interesse an Militärgeschichte und Heldenverehrung radikalisierte er sich immer weiter. Er war Mitglied in unterschiedlichen Kameradschaften und Gruppierungen. Gewalt war zu dieser Zeit ständiger Begleiter. Schließlich endete seine Odyssee mit dem Ausstieg aus einer rechtsextremen Bruderschaft. Hier berichtet er von dieser Zeit zwischen Bundeswehr, Rechtsrock und den militant-rechtsextremen Gruppen. Eine Zeit, die geprägt war von Hass, Gewalt, Größenwahn – und dem Militärischen Abschirmdienst.

Die Anfänge

Im Alter von elf oder zwölf Jahren kam ich mit der lokalen rechtsextremen Szene in Kontakt. Für mich war damals nicht das Politische relevant, mich faszinierte das Militärische. Darüber habe ich mich sehr stark belesen und – über meinen Großvater – mit Militärgeschichte auseinandergesetzt. Später traf ich dann Leute, die ähnlich dachten und für die politische Themen zunehmend relevanter wurden. In den Gesprächen mit ihnen spielten dann politische Themen vermehrt eine Rolle. Ich war so ein Typ, der sich abseits vom Schulkanon seine Informationen holte und daher dann auch irgendwann die Lehrer und Lehrerinnen damit konfrontierte. Für mich damals logisch, fing ich auch an, die deutsche Geschichte zu hinterfragen. Konkret den Holocaust. Ich ging sogar so weit, dass ich alte Leute fragte, ob sie Menschen töteten. Für mich war das als Kind einfach nicht greifbar. Die Suche nach einschlägigen Informationen führte mich unweigerlich zu jenem literarischen Genre, das meinem Interesse entsprach. Was ich dort aber fand, empfand ich damals als sehr einseitig. Es entsprach nicht dem, was ich lesen wollte. Meine Lesart von Geschichte war klar und ich wollte sie bestätigt wissen. Daraufhin besorgte ich mir andere Literatur. Das Internet war noch nicht so ausgereift. Darum habe ich Personen in meinem Umfeld gefragt und mir so die Bücher und Information besorgt, die ich suchte.

Mit der Zeit wollte ich meine Einstellung mehr und mehr nach außen zeigen. Das Erste, was sich auffällig veränderte, war mein Kleidungsstil. Ich fing damit an, eindeutig rechtsextreme T-Shirts zu tragen. Es folgten Diskussionen und körperliche Auseinandersetzungen mit damaligen Mitschülern.

Daraufhin gab es dann Gespräche mit meinen Eltern und mir wurde teilweise das Tragen bestimmter Shirts verboten. Es wurde aber auch immer erklärt, warum – etwa Gewaltverherrlichung. Bis auf einige wenige T-Shirts durfte ich meine Sachen nicht mehr in der Schule tragen. Ich kann mich noch an eine konkrete Situation erinnern. Einer meiner damaligen „politischen Gegner“ trug einen Aufnäher mit der Aufschrift „Schütze deine Umwelt“, auf dem ein Hakenkreuz in den Mülleimer geworfen wurde, auf seiner Hose. Als die stellvertretende Direktorin das bemerkte, wurde er nach Hause geschickt und ich stand quasi daneben, weil wir gerade in ein Streitgespräch verwickelt waren. Die stellvertretende Direktorin meinte, sie würde da ein Hakenkreuz sehen und ihr sei es egal, ob das nun ‚dafür‘ oder ‚dagegen‘ sei. Sie möchte das an ihrer Schule nicht sehen. Gegen gewisse andere Aufdrucke konnten sie dennoch nichts machen, lediglich klare Gewaltaufrufe wurden sanktioniert. Dennoch bin ich später von der Schule geflogen. In dieser Phase hatte ich zwar einen entsprechenden Freundeskreis und eine klare politische Haltung, aber das war noch weit entfernt von einer organisierten rechtsextremen Szene. Auch Alkohol spielte da eine große Rolle und wir tranken viel und regelmäßig. So regelmäßig, dass ich den Alkohol vermisste, wenn ich einmal mit meinen Eltern die Großeltern besuchte. Getroffen haben wir uns meistens in unserem Jugendclub. Mit 13 Jahren war das der Ort, der für mich am bedeutendsten war. Dort trafen sich die Skins aus der Region. Politisch eingebunden waren die wenigsten, es ging damals mehr um die Subkultur und den Lifestyle – was selbstverständlich nicht bedeutete, dass wir damals unpolitisch waren. Wir hatten vielmehr einfach noch keine politische Anbindung. Später änderte sich auch das. Einige von uns, so auch ich, sind dann zeitweise in die NPD eingetreten. Aber so richtig aktiv wurde ich auch dort nicht.

Bei der Bundeswehr

Auf Drängen meiner Eltern holte ich dann mein Abitur nach und ging zur Bundeswehr. Auch die Option, dort ein Studium zu beginnen, stand am Anfang im Raum und irgendwie fühlte es sich der Schritt gut an. Dass aus dem Studium dann nichts werden würde, zeichnete sich schon früh ab. Dennoch hatte ich eine Perspektive und meldete mich freiwillig.

Mein älterer Bruder war zu dieser Zeit auch beim Bund. Er berichtete mir regelmäßig davon, auch wenn wir uns politisch überhaupt nicht nahestanden: Dieses Interesse teilten wir. Militärgeschichte fand ich schon immer interessant. Bei der Bundeswehr angekommen stellte ich schnell fest: Für viele, mit denen ich mich unterhalten habe, war es die Kampfzeit, die für sie interessant war. Das waren alles verkappte SA-Fans. Daneben gab es für sie nur Kneipenschlägereien und Politik oder in Kombination Kneipenschlägereien wegen Politik.

Zu dieser Zeit war ich politisch gefestigt und Teil der rechtsextremen Szene. Aus diesem Grund war es für mich zu diesem Zeitpunkt wichtig, den Umgang mit Waffen zu erlernen und grundsätzlich die militärische Ausbildung zu absolvieren. Das ist mir aber auch erst später bewusst geworden. Heute wird bei der Bundeswehr dafür geworben, möglicherweise im Auslandseinsatz zu helfen. „Anderen zu helfen“ war aber nicht das, was mich dorthin brachte, was mich interessierte. Aber natürlich erzählte ich dem Psychologen, dass mir genau das wichtig sei. Dass ich Menschen oder fremde Kulturen kennenlernen und natürlich helfen möchte. Ansonsten hätte ich mich ja nicht als Berufssoldat verpflichten lassen können. Letztlich sagte ich einfach das, was man beim Bund hören wollte.

Insgesamt war ich in dieser Zeit verhältnismäßig unauffällig, zumindest versuchte ich es zu sein. Ich dachte mir damals: Das ziehst du durch und provozierst nicht irgendwelchen Stress. Dennoch gab es Situationen, in denen meine politische Einstellung Thema war. Es gab ein Disziplinarverfahren und Gespräche mit dem MAD. Rückblickend würde ich sagen: Man hätte da auch durchaus intensiver schauen müssen. Es ging ja schon bei der ärztlichen Voruntersuchung los. Ich war damals schon einschlägig tätowiert, aber es wurden keine Tattoos vermerkt. Ich kann nicht sagen, ob es einfach vergessen oder nicht erkannt wurde. Vielleicht hatte ich aus der damaligen Perspektive einfach Glück, denn ich kenne viele andere, bei denen die Tattoos notiert wurden. Auch nach dieser Untersuchung gab es unzählige Situationen, bei der ich meine unter die Haut gestochene politische Haltung nicht verbergen konnte. Sei es beim Duschen, auf der Stube oder im Schwimmbad. Man konnte es eigentlich nicht übersehen.

Nach der Grundausbildung war das dann etwas einfacher: Dort gingen wir nicht mehr in die Gruppenduschen und die Tattoos waren damit nicht mehr so einfach sichtbar. Einige andere Tattoos waren so platziert, dass sie nicht gleich ins Auge fielen – etwa ein Hakenkreuz auf dem Oberarm. Dennoch waren einige meiner Tattoos zur damaligen Zeit eindeutig – und nicht nur das: sie waren auch verboten. Einmal bin ich dann auch mit voll aufgedrehter neonazistischer Musik auf den Kasernenhof gefahren, auch das wahrscheinlich nicht unbemerkt. Angesprochen oder zurechtgewiesen wurde ich nicht.

Niemand interessiert das Offensichtliche

Rückblickend muss ich schon sagen, dass man dem Thema Rechtsextremismus nachging. Insbesondere dann, wenn Sachverhalte aktenkundig wurden. Da wurde auch schon mal direkt nachgefragt. Ich erinnere mich da an einen Bowlingabend anlässlich einer Weihnachtsfeier. Da kam der neue Zugführer, ein Oberleutnant auf mich zu und sprach mich direkt auf die Plugs in den Ohren an. Zwei „Achter“ als schwarze Billardkugeln. Er sagte mir damals, er wisse ganz genau, was das sei – und was das bedeutet. Die Acht als achter Buchstabe im Alphabet und damit als Code für „Heil Hitler“. Ich bin darauf nicht weiter eingegangen. Letztlich ist auch nichts weiter passiert, aber ich hatte schon den Eindruck, dass er da zumindest drauf geachtet hat. Mein Koppelschloss der SA hat aber keinen interessiert, das habe ich an diesem Abend (wie so oft auch) getragen. Einen weiteren Vorfall gab es in der Schwimmhalle. Ein Hauptmann sprach mich dort auf meine tätowierte „White Power-Faust“ an. Dazu gab es am Rande ein Gespräch. In diesem Gespräch habe ich das alles abgewiegelt und da es nur die Faust war – ohne Schriftzug -, gelang mir das auch. Ich erklärte dort, dass es kein „White Power“- Symbol sei – sondern „etwas anderes“. Man glaubte mir und damit war die Sache erst mal vom Tisch.

Irgendwann, wahrscheinlich wegen dieser angehäuften Vorfälle, suchte auch der Militärische Abschirmdienst (MAD) das Gespräch mit mir. An einem Freitag war ich schon auf dem Weg nach Hause, als mein Zugführer mich darüber informierte, dass mich zwei Mitarbeiter des MAD sprechen möchten. Ich fuhr zurück und entledigte mich zuvor noch schnell meines Koppelschlosses der Hitlerjugend. Bei eben diesem Gespräch trug ich ein T-Shirt mit leicht abgewandelten SS-Totenkopf. Auf der Vorderseite stand „Frontline Fighter“, auf dem Rücken war eine MP-40 und der Slogan „Forward into War“. Ich trug darüber eine Bomberjacke, sodass man es nicht so einfach erkennen konnte. Wahrscheinlich haben die Herren sich gewundert, warum ich da im Sommer mit einer dicken Jacke sitze, da man mich auch mehrfach drauf hinwies, dass ich die Jacke doch ausziehen könnte. In diesem Gespräch haben die Mitarbeiter des MAD zum Beispiel eine Lebens-Rune auf ein Blatt gemalt und gefragt, ob ich so was zu Hause hätte. Ich sagte, dass ich das nicht habe. Daraufhin erwiderten sie, dass das jeder zu Hause hat, da es das Zeichen für Antenne auf dem Fernseher ist. Danach schoben sie mir den nächsten Zettel mit der Zahl Sechs Millionen und der Frage „Was sagt Ihnen denn diese Zahl“ rüber. Ich sagte damals unverfroren, dass es sich nach einem guten Lottogewinn anhöre. Daraufhin erklärten sie, dass sie damit auf den Holocaust angespielt hätten. Direkte Konsequenzen hatte weder das Gespräch noch mein T-Shirt. Zugegeben, es ist ja auch schwierig, so etwas gleich zu erkennen. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde auch nachgefragt und ich habe erklärt, es sei ein Rocker-Shirt. Man fragte mich auch sehr konkret nach rechten Rockerclubs. Ich sagte, dass ich davon noch nie etwas gehört hätte.

Was halten sie denn vom Holocaust?

Grundsätzlich bestand das Gespräch aus zwei Parteien, die sehr genau überlegten, was sie wie sagten. Wäre ich gefragt worden: „Was halten sie, denn vom Holocaust?“ hätte ich natürlich, wie ziemlich jeder in der Szene entsprechend beschwichtigt. Ich hätte mich sogar weltanschaulich verbogen und hätte gesagt, dass es eine große Tragödie war, die sich nicht mehr wiederholen darf. Auch wenn ich damals anders dachte, so war es das, was sie hören wollten und das, was mich nicht in Gefahr gebracht hätte. Ja, ich war damals nicht so, dass ich sagte: „Ich bin der Rebell – um jeden Preis“. Aber auch das haben die Herren vom MAD wahrscheinlich erwartet und aus diesem Grund bewusst nicht so direkt gefragt. Innerhalb der Szene wurde dieses Thema natürlich anders bewertet und diskutiert, aber in der persönlichen Konfrontation und in der Öffentlichkeit war man da natürlich vorsichtiger. Zu groß war der Selbstschutz oder die Gefahr, sich strafbar zu machen. Insgesamt ist der instrumentalisierte Umgang mit dem Holocaust und anderen historischen Themen in der Szene schon sehr widersprüchlich, auf der einen Seite versucht das Erbe des Nationalsozialismus zu ehren und sieht sich der „Wahrheit“ verpflichtet, als Teil des Großen und Ganzen. Nicht der Einzelne zählt, sondern die Idee, das Volk, die Weltanschauung. Auf der anderen Seite verleugnet man all das, wenn es um einen selber geht. Dann wird das „Wir“ zum ich und die Idee, die Weltanschauung weicht einer der Situation angepassten Formel. Und um ehrlich zu sein, das war nicht nur eine Erfahrung, die an mir festmachen konnte, sondern diese Widersprüche habe ich auch im Handeln der Anderen gesehen. Bis auf Ausnahmen ist man sich selbst der Nächste.

Ein Ereignis ist mir auch noch in Erinnerung. Kameraden und ich schliefen auf der Stube ein und die Musik der Neonazi-Band „Landser“ lief weiter. Als der Oberfeldwebel die Stube betrat, rührte ich mich nicht und tat so, als ob ich schlafe. Er wippte dann im Rhythmus der Musik. Ich dachte, dass es jetzt ein Problem geben würde, aber er ist dann einfach gegangen und der Vorfall wurde nicht weiter thematisiert. Ob er das Lied kannte, kann ich nicht sagen, aber zumindest singt Landser ja deutsch.

Insgesamt war es seltsam: Auf der einen Seite wurden offensichtliche Sachen, Tattoos oder Shirts geduldet bzw. offiziell „nicht erkannt“, auf der Anderen positionierte man sich gegen rechtsextreme Erzählungen. Es gab da etwa so einen Spruch, wenn jemand etwas besonders ordentlich durchführte, sagte man „das ist deutsch“. Es folgte sofort auch der Hinweis, dass dies nicht bedeutet, was der eine oder andere auf der Stube vielleicht denken würde. Was auch immer der Eine oder die Andere da gedacht haben sollte, diese Bilder oder Erzählungen waren normal. Auf der anderen Seite war es grundsätzlich nicht so einfach möglich, mit entsprechenden Symbolen oder einer offensichtlichen Einstellung ohne Konsequenzen durch die Kaserne zu laufen.

Letztlich zeigt das aber auch meine eigene Geschichte. Ich war insgesamt einige Jahre bei der Bundeswehr, wurde dort in einer spezialisierten Einheit ausgebildet und wollte mich eigentlich für weitere Jahre verpflichten. Das war aber nicht mehr möglich – der Grund war ich selbst. Aufgrund der beschriebenen Vorkommnisse und dem Gespräch mit dem MAD wollte man meine Wehrzeit nicht mehr verlängern.

Nun hieß es, sich beruflich neu zu orientieren. Was meine damalige Weltanschauung anbelangt, da gab es keine Zweifel. Vielmehr sollte mich meine Entwicklung noch tiefer in die Szene bringen. Eine Zeit, in der Rausch, Gewalt und Ideologie mein Leben bestimmten.

*Der dreiteilige Text basiert auf einem durch die Fallbetreuer von EXIT-Deutschland durchgeführtem Interview, aus dem Jahr 2020. Aus Gründen des Personenschutzes wurden Orte und Namen anonymisiert.


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Illustrationen: Fabian Wichmann / Text: Fabian Wichmann und Felix Benneckenstein basierend auf mehreren Interviews mit Ferdinand.